Der schwedische Sonderweg: Tourismus in der Corona-Zeit

Zu sehen ist eine Stadtansicht von Stockholm.

Geschrieben am 15.11.20 von Anna Klein

Als Tourismusprofessorin an der IUBH Duales Studium in München, aber auch als passionierte Touristin, habe ich schon viele Destinationen bereist. Meine Reise nach Schweden im August und September 2020 war sehr besonders. Zum einen fand sie mitten in der Corona-Pandemie statt und zum anderen führte sie in ein Land, von dem seit Monaten in der deutschen Presse berichtet wurde. Die Berichterstattung war mal kritisch, mal lobend, aber jedes Mal staunend über den Mut oder vielleicht auch die Risikobereitschaft der schwedischen Regierung, einen anderen Weg im Umgang mit dem Corona-Virus einzuschlagen.

Ich wollte die Gelegenheit nutzen und mir mein eigenes Bild über den „schwedischen“ Weg machen. Was mich dabei besonders interessiert hat, war seine Auswirkungen auf die schwedische Tourismusindustrie. Ich wollte aber auch die Stimmung im Land unter den touristischen Akteuren und in der schwedischen Bevölkerung einfangen. Und so habe ich mich auf den Weg gemacht…

Zu sehen ist ein Bild vom Vänernsee.
Vännensee in Schweden

Schwedinnen und Schweden übernehmen Verantwortung

Der berühmte schwedische Weg besteht darin, generelle Schließungen von Geschäften, Schulen, Kindergärten und Universitäten, also den großflächigen Lockdown, zu vermeiden; darüber hinaus verzichtet die Regierung – jedenfalls bis jetzt – auf die Maskenpflicht. Stattdessen werden regelmäßig Empfehlungen ausgesprochen, bei denen auf den Gemeinschaftssinn gesetzt wird und an die Übernahme der Selbstverantwortung appelliert wird. Natürlich gibt es auch bestimmte Verbote und verpflichtende Regelungen, aber die grundsätzliche Haltung der Politik ist, dass man es mit einem mündigen Bürger zu tun hat, der mitdenkt und eigenständig vernünftig, im Sinne der Gemeinschaft, handelt. Diese grundsätzliche Haltung wurde in vielen Gesprächen, die ich in Schweden mit Touristikern, aber auch mit nicht Touristikern, also den so genannten „normalen Menschen“, geführt habe, ganz deutlich artikuliert.

Prinzip Selbstverantwortung

Meine Gesprächspartner haben betont, wie wichtig es ist, die Verantwortung nicht auf die Politik zu schieben, sondern der Bevölkerung zuzugestehen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Marlis, Betreiberin eines Campingplatzes www.campingtiveden.se in der Nähe des Nationalparks Tiveden, ca. 300 km westlich von Stockholm, hat es wie folgt ausgedrückt: „Das Prinzip der Selbstverantwortung funktioniert auch in einer langfristigen Zukunftsperspektive, im Gegenteil zu Befehlen von oben.“

Alle Akteure ziehen an einem Strang

Was mich an dieser Stelle besonders interessiert hat, war die Frage nach der Einbindung der Tourismusbranche in die beschlossenen Maßnahmen bzw. in die Entscheidungsfindung. Die Antwort auf diese Frage habe ich von Henryk bekommen. Der ehemalige Lehrer aus Berlin betreibt seit über 10 Jahren die stillgelegte Berggrube „Kleva Gruva“ www.klevagruva.se die von Gästen auf eigene Faust erkundet werden kann. Im Interview mit Henryk und seiner Lebensgefährtin Peggy zieht sich das Prinzip der Selbstverantwortung wie ein roter Faden durch. Es ergibt sich das Bild einer engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen den einzelnen touristischen Akteuren, dem Rettungsdienst, der Gemeinde und der Regierung, in der sehr zeitnah und besonnen auf die aktuellen Entwicklung reagiert wird.

Zu sehen ist Henryk Hörner in seinem Shop.
Henryk Hörner in dem Shop von Kleva Gruva

Touristische Hotspots werden von schwedischen Touristen überrannt

Falls Sie jetzt denken, dass sich alle Schweden an die Empfehlungen halten und man bei solch disziplinierter Bevölkerung keine Verbote braucht, muss ich Sie leider enttäuschen. Ich habe es sehr unterschiedlich erlebt. Ähnlich voll wie an den Ostseestränden war es auch an vielen touristischen Hotspots in Schweden, zum Beispiel in Gränna, einem beliebten Tagesausflugsziel in der Nähe einer Autobahn zwischen Göteborg und Stokholm. Das Städtchen ist bekannt für seine Zuckerstangen. Dort habe ich mich mit Frederik unterhalten. Er betreibt einen Zuckerstangenladen in der Hauptstraße von Gränna. Laut Frederik wurde Gränna im Sommer von Touristen überrannt – aufgrund der engen räumlichen Situation in der Stadt war das Abstandhalten gar nicht möglich und ansonsten hatte man das Gefühl, dass alle Corona vergessen hatten. Er selbst hat sich mit der Situation arrangiert und sie akzeptiert.

Zu sehen ist ein Geschäft für Zuckerstangen.
„Polkagrisbagarn“ in Gränna

Auswirkungen auf den Tourismus

Wenn man versuchen würde, aus diesen einzelnen Gesprächen ein Gesamtbild zu zeichnen, dann ergibt sich daraus das Bild einer verrückten, nicht planbaren Saison, deren endgültige finanzielle Bewertung noch aussteht, aber dem Bauchgefühl nach könnte es unterm Strich auf das gleiche herauskommen wie im letzten Jahr – ohne Corona.

Natürlich gab es auch Verlierer der Corona-Pandemie, wie zum Beispiel die Betriebe, zu deren Kunden vor allem Gruppen zählen: Nahezu alle Buchungen von Schulgruppen, Firmenausflügen, etc., die normalerweise vor allem in der Vor- und Nachsaison das Geschäft beleben, wurden storniert. Weitere Beispiele sind – nicht überraschend – Unternehmen, die vor der Krise sehr stark auf ausländische Gäste gesetzt haben und jetzt schwedische Besucher von sich nicht überzeugen konnten, wie zum Beispiel die Elchparks, die traditionell vor allem von ausländischen Gästen besucht werden.

Zu sehen sind zwei Kinder in einem Elchpark.
Skullaryd Elchpark in Raskog

Das Prinzip Selbstverantwortung funktioniert in Schweden nur begrenzt

Wie wäre mein Fazit nach drei Wochen in Schweden? Ich habe natürlich nicht das ganze Land bereist und bei weitem nicht mit Vertretern aller touristischer Bereiche gesprochen; das war auch nicht meine Absicht. Die Stimmung, die ich einfangen konnte, war eindeutig positiv – bei weitem keine Untergangsstimmung auf die ich zum Teil in Deutschland gestoßen bin. Ist also der „schwedische Weg“ die Lösung für den Umgang mit der Corona-Krise vor allem im Hinblick auf die Tourismusbranche? Das würde ich so nicht sagen. Die vollen Straßen in Gränna und anderen touristischen Hotspots oder die überfüllten Ostseestrände sprechen dagegen. Es kann stimmen, dass die Schweden zum großen Teil die Selbstverantwortung übernommen haben, aber anscheinend nur dann, wenn es ohne große Einschränkungen möglich war. In der Natur ist das Abstandhalten unproblematisch. Da kann man sich sehr einfach aus dem Weg gehen. Dort aber wo es zu größeren Menschenansammlungen kommen kann, versagt meiner Ansicht nach das Prinzip Selbstverantwortung. Es bleibt aber abzuwarten, wie sich die Situation im Tourismus weiter entwickeln wird – wir sind nach wie vor mitten in der Corona-Pandemie.

Mehr über den Tourismus in Schweden in Zeiten der Corona-Krise gibt es in einer Video-Reportage auf unserem YouTube-Kanal. 

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